ganz besoffen von musils mann ohne eigenschaften.
selten ist das geworden: ein buch genau im richtigen alter zu lesen. wie alt ist ulrich, der mann ohne eigenschaften? schnell nachschauen, ach ja, ganz genau: 32.
als ob sich die welt wieder auftun würde, so ist die lektüre! über die meisterschaft der schriftstellerei allein gäbe es viele, viele seiten zu füllen – wie der text bis in den tonfall, in die syntax hinein den figuren entspricht, die beschrieben werden, wie lebendig das alles ist und wie ganz analytisch zugleich, wie gut gehört, beobachtet und verstanden. wie parteiisch, wie liebevoll, ohne sich je anzubiedern, wie klar, wie komplex, wie völlig einsam und wie witzig. ein mordstrumm, denke ich nur, weil meine reduzierte sprache kapituliert, ein ereignis wie eine intellektuelle naturkatastrophe, wie konnte ich leben, ohne das zu kennen!, und dann plumpsen mir die kontaktlinsen aus dem gesicht, weil ich vergesse zu blinzeln.
tausend seiten, und kein wort zuviel. schlackenlos. der urlaub wird mir zu kurz, sowas lässt sich nicht lesen: jeden tag zehn minuten vor dem einschlafen. jeden tag hundert seiten, so muss es sein, und genug zeit haben, um wieder aufhören zu können, wenn es zu viel wird und alles gelesene plötzlich realer wird als die realität. und das eigene leben bedacht werden will. und der wunsch, ein solches buch für unsere zeit zu schreiben. oder, realistischer, ein solches buch endlich zu finden.
ein buch, das mich besser macht. klüger macht. lebendiger.
das nicht versagt vor dem versagen der begriffe – so wie wir heute versagen und das „postmodern“ genannt haben, als wir noch gedanken haben zu müssen glaubten, bevor wir endgültig verzichtet haben.
wie wenig sich auch geändert hat seither: was das kategorische denken angeht, hat sich gar nichts geändert, nur der umgang mit den körpern ist anders geworden, aber auch das war damals bereits absehbar und hat musil beschrieben – ulrich ist durchtrainiert, er boxt, er gefällt. aber die frauen sind noch anders gewesen: magere, harte mädchenleiber gibt es da, spätpubertär revoltierend (gerda) oder vom sexuellen gebrauch durch die andeutungen und niemals offen gewalttätigen übergriffe der männer gezeichnet (clarisse) – und diotima, ein prächtiges, schönes stück weib, das sich die veralteten gedanken der zeitgenossen in den kopf gesetzt hat, sehr zum bedauern von ulrich. – aber vielleicht sind die frauen auch nicht anders gewesen als heute, vielleicht waren nur die interpretationen anders, weil die langen, fleischlosen knochen damals noch chic und nicht werbung und die frauen mit intellektuellen ambitionen damals noch mit sektionschefs verheiratet waren.
sommer 2005: der mann ohne eigenschaften.