fluessig lesen

Mittwoch, 14. September 2005

postwurfsendung

Ein zerknautschter Gott am (warum eigentlich nicht im) Alsergrund: Klappe und Action

das wiener bezirksjournal berichtet über die veränderte selbstwahrnehmung der in meinem hieb wohnhaften bürgerinnen und bürger, denen der einbruch des herbstes am sonst ausgeprägten selbstbewußtsein nagt verbreitet durchhalteparolen im interesse des bruttoinlandsproduktes übt sich in krüyptik.

Mittwoch, 7. September 2005

streeruwitz über salzburger festspiele

der perlentaucher nennt sie, sehr subtil, unvergleichlich. ich mag ihre politischen essays ja lieber als ihre literatur, und dieser text ist nach langer zeit wieder einmal streeruwitz in hochform: zynisch, wenig zwischentöne, so massiv, wie es sich gehört. wohltuend ärgerlich und kalt zugleich. mögen viele nicht. ich schon.

Sonntag, 28. August 2005

wann ist ein mann ein mann?

zu diesem ewigen menschheitsthema eine durchaus interessante meinung aus dem 13. jahrhundert:

Wenn ein Held in fünf Ländern den höchsten Preis erränge, wenn er in vollkommener körperlicher Schönheit gestaltet wäre, wenn er aufrichtig, freigiebig und bedacht in seinen Worten wäre, wenn er schreiben, lesen, dichten und die Fiedel spielen könnte, außerdem pirschen, jagen, parieren und auf ein Ziel treffen könnte und wenn er in jeder Beziehung mit den Waffen umgehen könnte; wenn er die schwarzen Bücher verstünde und die Kunst der Grammatik beherrschte und wenn sein Verstand geschult wäre zur Musik und zum Singen aller Estampien; wenn er den Wurfstein um zwölf Fuß weiterwerfen könnte als alle seine Genossen, und wenn er imstande wäre, einen wilden Bären zu erlegen; wenn alle Damen ihm ihren Gruß auf höchst huldvolle Weise zuteilwerden ließen und wenn er den Schatz der Sieben freien Künste besäße und singen und sagen könnte – das alles würde ihm gar nichts einbringen, besäße er nicht auch Geld.

Donnerstag, 18. August 2005

michi hollerbeck

... hat ein neues buch geschrieben, die möglichkeit einer insel heißt es oder so, und im bücher magazin, der neuen post für die frau mit zweitbuch, hat herr houellebecq (denn um diesen handelt es sich) aus diesem anlass ein paar wortspenden abgegeben.

ich muss sagen, seit ich seine bücher nicht mehr lese, ist h. mir wieder sehr sympathisch. im ernst, er ist intelligent, witzig, ein wenig selbstverliebt vielleicht, aber vielleicht mag ich ihn auch nur, weil er so scheiße aussieht. auf dem foto in der besagten zeitschrift trägt er eine jean mit bundfalten - muss ich mehr sagen? es ist ihm offensichtlich egal, es macht ihm offenbar sogar spaß. das taugt mir irgendwie. das beste, was das 20. jahrhundert gebracht hat: der vertrieb. man kann unendlich lang diskutieren, ob das leben früher besser war. es ist aber zweifellos besser, heute zu konsumieren, als je zuvor. super organisiert. ich seh ihn richtiggehend grinsen.

als plattform erschienen ist, hat der verlag die jünger und -innen zu einer lesung mit dem autor in den rabenhof gerufen, und ich muss sagen, es war ein erlebnis. ich selbst habe aufgrund katholischer herkunft ja durchaus eine neigung zur gruppenhysterie, aber was da abging, war doch zuviel. die hornbrillendichte war überdurchschnittlich (natürlich trage ich auch so ein ding), und eine halbe stunde vor beginn war schon das ganze haus in heller aufregung. alles war nervös, als käme gleich der messias. ich weiß noch, dass mir im foyer eine frau gegenüber saß, die hektisch in elementarteilchen blätterte und, wenn man ihren aufzug berücksichtigt, offenbar wild entschlossen war, dem autor die freuden wiens persönlich näher zu bringen.

nach einer zweisprachigen lesung und einer pause, in der der autor dem alkohol zusprach (zum beweis, corporate identity und so, brachte er im zweiten teil die fast leere flasche mit auf die bühne), gab's fragestunde mit einem verlagsmenschen und dem publikum. blabla, was houellebecq halt immer gefragt wird, aber dann stand einer auf und sagte, mit eigentlich ganz fester stimme, aber hörbar aufgeregt, er kenne das auch, die lebensangst, die todesangst, die angst zu lieben, und ob h. vielleicht ein rezept dagegen habe.

das publikum wird unruhig.
das geht daneben, sage ich zur m. neben mir.
der verlagsmensch schlägt die beine übereinander.
die dolmetscherin beugt sich wieder zum autorenohr und flüstert.
plötzlich kommt in den h., der bis dahin auf alle fragen mit genuscheltem französisch geantwortet hatte, sowas wie leben. er richtet sich ein wenig auf und sagt auf englisch direkt ins publikum, dass er den frager leider wegen der beleuchtung nicht sehen könne, sucht dann noch eine antwort, die aber schon im allgemeinen gemurmel untergeht, der verlagsmensch fragt schnell, ob sonst noch jemand lebenshilfe wünsche, und h. verstummt schon wieder.

das ist jetzt dreieinhalb jahre her. damals war ich ganz beseelt von dem wunder, dass ein depressiver zeichen von interesse an einem anderen menschen zeigte. - nein, so böse meine ich es nicht. ich weiß noch, wie die stimmung im publikum sich verändert hatte, von der oben beschriebenen durchdreherei hin zu einer freundlichen sympathie für einen autor, der es vielleicht geschafft hat, sein leben irgendwie in den griff zu kriegen. das war gut.

ausweitung der kampfzone freilich hat mich einen monat lebenszeit gekostet, in der ich deprimiert durch die stadt schlich und mich sehr tragisch antriebslos fühlte. seither lese ich nur mehr bücher, die zumindest ein wenig licht und/oder leben haben. bei aller liebe -.

fusserosion

... M. B. sorgte mit seiner barfüßigen Überquerung der Alpen
bereits im Jahre 1989 international für Aufsehen. Er verglich dabei
die Zerstörung der Füße mit den bedrohlichen Erosionen in den Alpen
und vermittelte dieses erschreckende Bild in den Medien. Mit seinen
Berichten und Filmen aus Afrika hat Barfuss aber stets
veranschaulicht, dass eine Koexistenz zwischen Mensch und Natur
möglich ist ...

Dienstag, 2. August 2005

schöner scheitern

sch_pic_10

für wirklich alles gibt es das passende buch, auch für's richtige scheitern.

sch ist eine Idee neun junger Kreativer – Journalisten, Texter, Grafik- und Multimediadesigner. Entstanden während sechs Monaten im creativevillage: der Berliner Praktikumsinitiative von Scholz & Friends Berlin, Pixelpark und taz, die Tageszeitung.

hm ... wenn das schon gescheiterte sind, wie sehen dann die sieger aus?

sehr lieb aber der scheiterbogen zum ausfüllen und der kleine freund zum selberbasteln. gut gelaunte sache das, fröhlich in orange! (was angeblich, hörte ich neulich im radio, in deutschland mit unzuverlässigkeit und minderer qualität assoziiert wird, aber wahrscheinlich wollte ö1 nur dem bzö eins auswischen.) jedenfalls: lassen sie sich nicht unterkriegen! (das gilt natürlich nicht für sie, herr jörg!)

Montag, 1. August 2005

ein leben ohne mops ist möglich, aber sinnlos (loriot)

heute wäre ernst jandl 80 jahre alt geworden. eines seiner vielen großartigen gedichte und längst schon ein klassiker ist das folgende. viel spaß damit!

ottos mops
ottos mops trotzt
otto: fort mops fort
ottos mops hopst fort
otto: soso

otto holt koks
otto holt obst
otto horcht
otto: mops mops
otto hofft

ottos mops klopft
otto: komm mops komm
ottos mops kommt
ottos mops kotzt
otto: ogottogott

Montag, 25. Juli 2005

literaturbetrieb, lustig

franz josef czernin, hohepriester der avantgarde, nennt in der aktuellen kolik (nr. 30) christoph ransmayr, säulenheiliger des pathos, einen wixer. über ein interview mit ransmayr:

Dem Schöpferischen nähert man sich nicht nur untertänigst, sondern auch in Klischees, und also fragt man: Ist das bei einem Ransmayr auch so wie bei einem Muschg, nämlich dass die Romanfiguren lebendig werden und ihren eigenen Willen haben?

Der Schriftsteller, der sich nicht recht gegen diese Frage zu wehren weiß, erzählt brav von seinen diesbezüglichen Erfahrungen. Und gibt uns, in aller Bescheidenheit, damit zu verstehen: Ich habe es wieder geschafft, nein, wieder einmal geschaffen: Eben war da noch ein Batzen Vorstellungslehm, und schon springt unter der Hand ein lebensechter Mensch heraus. Und wenn der Mensch ein Weib ist, kann ich mich sogar in ihn verlieben!

Ja, das Schöpferische ist eine kreatürliche Lust oder ein kreatürlicher Schmerz, es ist eine elementare Urkraft. Da kann sich eine rechte Schreibhand schon glücklich schätzen, wenn sie nicht mehr weiß, was die linke tut, wenn sie eben deshalb das Lebensechte selbst hervorbringt.

nächsten monat: xaver bayer nennt daniel kehlmann einen koffer, robert schindel nennt robert schneider einen versager, felix mitterer nennt michael köhlmeier einen vorarlberger.

weiter so!

Donnerstag, 7. Juli 2005

noch einmal musil

„Wir sehen uns heute vor zuviel Gefühls- und Lebensmöglichkeiten gestellt. Gleicht diese Schwierigkeit aber nicht der, die der Verstand bewältigt, wenn er vor einer Unmenge von Tatsachen und einer Geschichte der Theorien steht? Und für ihn haben wir ein unabgeschlossenes und doch strenges Verhalten gefunden, das ich Ihnen nicht zu beschreiben brauche. Ich frage Sie nun, ob etwas Ähnliches nicht auch für das Gefühl möglich wäre? Wir möchten doch ohne Zweifel daraufkommen, wozu wir da sind, das ist eine Hauptquelle aller Gewalttaten der Welt. Nun haben das andere Zeiten mit ihren unzureichenden Mitteln versucht, das große Zeitalter der Erfahrung aus seinem Geist heraus aber überhaupt noch nicht –“
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften (rororo), S. 1038

eigentlich wollte ich noch was zum mann ohne eigenschaften und zum thema moral schreiben, um das sich das ganze dreht. aber nach den anschlägen in london will das einfach nicht mehr so leicht gehen.

„Er glaubte an Moral, ohne einer bestimmten Moral zu glauben. Gewöhnlich versteht man unter ihr eine Art von Polizeiforderungen, durch die das Leben in Ordnung gehalten wird; und weil das Leben nicht einmal ihnen gehorcht, gewinnen sie den Anschein, nicht ganz erfüllbar, und auf diese dürftige Weise also auch den, ein Ideal zu sein. Aber man darf die Moral nicht auf diese Stufe bringen. Moral ist Phantasie. Das war es, was er Agathe sehen lassen wollte. Und das zweite war: Phantasie ist nicht Willkür. Überantwortet man die Phantasie der Willkür, so rächt sich das. In Ulrichs Mund zuckten die Worte.“
S. 1028


ulrich wünscht sich ein ozeanisches gefühl von verbundenheit mit der welt. und er scheitert. und er scheitert sogar in der einzigen beziehung, in der es hätte gelingen können, mit seiner schwester agathe. auf den ersten blick sieht es aus, als wäre sie es, die die verbindung kappt, indem sie sich einem mann an den hals wirft, der sich keine der fragen so stellt, wie es die geschwister tun. auf den zweiten blick wird erkennbar, dass er als erster den verrat begeht: in der großen schlussszene posaunt er alle gedanken hinaus, die die beiden geteilt haben, vor einem publikum, dessen hilflosigkeit und dummheit das ganze buch über die folie abgaben, vor der er seine gedanken entwickelte. - dem naiven general stumm von bordwehr, der eine bericht abgeben muss, rät er:

„Melde eben,“ erwiderte Ulrich „das sei der Tausendjährige Glaubenskrieg. Und noch nie seien die Menschen so schlecht gegen ihn gerüstet gewesen wie in dieser Zeit, da der Schutt ,des vergeblich Gefühlten‘, den ein Zeitalter über dem anderen hinterläßt, Bergeshöhe erreicht hat, ohne daß etwas dagegen geschähe. Das Kriegsministerium darf also beruhigt dem nächsten Massenunglück entgegensehen.“ Ulrich sagte das Schicksal vorher und hatte davon keine Ahnung. Es lag ihm auch gar nichts am wirklichen Geschehen, sondern er kämpfte um seine Seligkeit.
S. 1038


er kämpfte um seine seligkeit. der schutt des vergeblich gefühlten. es lag ihm nichts am wirklichen geschehen. – ich verstehe ihn. und dann kam der erste weltkrieg, dann der zweite und noch viele mehr, und in kakanien tanzten noch immer die goldfische.

moral ist, als phantasie, nicht willkür. aber was ist sie dann? worauf könnte sie begründet sein? wenn ich sage „du sollst nicht töten“, bin ich dann mitglied einer so genannten „christlichen wertegemeinschaft“?

lässt sich das alles umlegen auf jene, die heute bomben gezündet haben?

Montag, 27. Juni 2005

ulrich

ganz besoffen von musils mann ohne eigenschaften.

selten ist das geworden: ein buch genau im richtigen alter zu lesen. wie alt ist ulrich, der mann ohne eigenschaften? schnell nachschauen, ach ja, ganz genau: 32. robert1

als ob sich die welt wieder auftun würde, so ist die lektüre! über die meisterschaft der schriftstellerei allein gäbe es viele, viele seiten zu füllen – wie der text bis in den tonfall, in die syntax hinein den figuren entspricht, die beschrieben werden, wie lebendig das alles ist und wie ganz analytisch zugleich, wie gut gehört, beobachtet und verstanden. wie parteiisch, wie liebevoll, ohne sich je anzubiedern, wie klar, wie komplex, wie völlig einsam und wie witzig. ein mordstrumm, denke ich nur, weil meine reduzierte sprache kapituliert, ein ereignis wie eine intellektuelle naturkatastrophe, wie konnte ich leben, ohne das zu kennen!, und dann plumpsen mir die kontaktlinsen aus dem gesicht, weil ich vergesse zu blinzeln.

tausend seiten, und kein wort zuviel. schlackenlos. der urlaub wird mir zu kurz, sowas lässt sich nicht lesen: jeden tag zehn minuten vor dem einschlafen. jeden tag hundert seiten, so muss es sein, und genug zeit haben, um wieder aufhören zu können, wenn es zu viel wird und alles gelesene plötzlich realer wird als die realität. und das eigene leben bedacht werden will. und der wunsch, ein solches buch für unsere zeit zu schreiben. oder, realistischer, ein solches buch endlich zu finden.

ein buch, das mich besser macht. klüger macht. lebendiger.

das nicht versagt vor dem versagen der begriffe – so wie wir heute versagen und das „postmodern“ genannt haben, als wir noch gedanken haben zu müssen glaubten, bevor wir endgültig verzichtet haben.

wie wenig sich auch geändert hat seither: was das kategorische denken angeht, hat sich gar nichts geändert, nur der umgang mit den körpern ist anders geworden, aber auch das war damals bereits absehbar und hat musil beschrieben – ulrich ist durchtrainiert, er boxt, er gefällt. aber die frauen sind noch anders gewesen: magere, harte mädchenleiber gibt es da, spätpubertär revoltierend (gerda) oder vom sexuellen gebrauch durch die andeutungen und niemals offen gewalttätigen übergriffe der männer gezeichnet (clarisse) – und diotima, ein prächtiges, schönes stück weib, das sich die veralteten gedanken der zeitgenossen in den kopf gesetzt hat, sehr zum bedauern von ulrich. – aber vielleicht sind die frauen auch nicht anders gewesen als heute, vielleicht waren nur die interpretationen anders, weil die langen, fleischlosen knochen damals noch chic und nicht werbung und die frauen mit intellektuellen ambitionen damals noch mit sektionschefs verheiratet waren.

sommer 2005: der mann ohne eigenschaften.

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