ueberschreitungen
zum ersten mal war ich dort noch als jugendliche mit familie und reisegruppe im bus, und schlecht ist mir geworden nach zwei, drei stunden, weil hinter jeder ecke wieder irgendetwas großartiges und uraltes wartete, der elefant mit dem obelisken, da stand ich und wusste: das ist jetzt der kulturschock. es war groß und es blieb groß.
dann auf der heimreise vom ersten mal in kalabrien, die eisenbahner hatten gestreikt, wir kamen mitten in der nacht völlig erledigt an termini an, ein freund von a. holte uns ab, quartierte uns bei sich ein und kochte noch für uns. (die autos. die lichter.)
dann auf der heimreise vom zweiten mal in kalabrien, ich hatte ein paar stunden, ich wartete auf den nachtzug, ich wanderte von den vier flüssen hinunter zu barberini, ein ankommen jedesmal, ein glück, das über mir zusammenschwappt, jedesmal wieder.
jetzt mit h. in trastevere und borghese in der sonne, die vielen kilometer in diesen gassen, die sich zu keinem plan im kopf zusammenfügen lassen wollen, klein sind die viertel, die wir touristen abwandern, der stadtplan des zentrums ist winzig, es nützt nichts, ich verliere mich immer wieder aufs neue, zum glück.
und am abend kommen
die stare in riesigen schwärmen über die stadt und fallen irgenwann schreiend in die bäume ein, die schwarzen schreienden wolken.
gingerbox - 7. Nov, 20:19
die überraschenden stunden, in denen plötzlich nichts gewollt werden muss und in denen trotzdem spuren der disziplin
das zumindest könnte arbeiten bedeuten: sich selbst im bildhintergrund parken, keine lust mehr auf die eigene befindlichkeitsprosa.
keinen eigenen gedanken fassen.
"cool" von poschard lesen, das bei 2001 verramscht wird, denken: "das waren die 90er, mein gott, echt wahr." culturalstudiesdiskurskulturgeschwurbel, bei dem mir ganz warm ums herz wird. so fühlt sich heimat an, ein nostalgisches seufzen, fast heimweh nach dem code und nach der zeit, als alles bedeutsam war. und damals schon der verdacht, dass da was fehlt, dass was gelogen ist, oder eher und schlimmer noch, dass etwas naiv nicht gesehen wurde, nicht erkannt in seiner brisanz: geld und arbeit und macht, auch wenn von nichts anderem die rede war. das mag mit meiner lebenssituation zu tun gehabt haben, in der das alles schöne, verspielte, aufregende theorie war und das leben trotzdem leicht einfach übersichtlich selbstbestimmt. aber waren die kritischen, klugen leute der 90er je für irgendjemanden relevant, der in einer anderen lebenssituation steckte? dass all das nicht politisierbar war, kann man das irgendjemandem vorwerfen?
gingerbox - 30. Mrz, 22:28
pass auf, sagt der kollege, [die firma] hat eine tendenz, ihre leute aufzufressen. in meinem ersten jahr habe ich nach der arbeit noch jeden abend vier stunden daheim weitergearbeitet und die wochenenden durch.
deshalb habe ich den job angenommen, antworte ich, das wollte ich ja: mich fressen lassen.
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pizzaecken, wurstsemmeln aus dem automaten, schokolade, nusskipferl, kaffee vom bordservice im zug, sandwiches von air berlin, topfengolatschen, jedenfalls immer: kohlenhydrate kalt und aus der hand, beim tippen, im gehen, im stehen, nebenbei, ein runtergewürgter bissen, weil das telefon läutet, nudeln beim take-away-asiaten am westbahnhof, sushibox, sogenanntes urkornbrot zu apothekenpreisen, ebenfalls vom bahnhof, am türken in meiner gasse komme ich nur vorbei, wenn er noch oder schon geschlossen hat.
es ist schon ein zeichen von erholung, wenn man alkohol wieder erträgt und zigaretten. über wochen: totale abstinenz, der körper sagt nein, das bier macht müde, die zigaretten verhindern das atmen, das alles ist zuviel.
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wovor hast du angst, fragt der mann.
dass du mich auffrisst, antworte ich, dass meine grenzen sich auflösen. du bist in meinem knochenmark. ich sehe die kitschigsten liebesfilme, und sie kommen mir realistisch vor. und so war ich nie. ich erkenne mich nicht wieder, mit dir ist alles anders.
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vor dem spiegel: der körper hat jeden tonus verloren. ich liege im bett, ich sitze am schreibtisch, ich telefoniere mit dem mann, ich liege wieder im bett, so vergehen die tage, so verändert sich der körper.
gingerbox - 4. Feb, 01:41
ich finde die zahlscheine für die miete auf dem schreibtisch gleich neben der tastatur wieder. oktober, november, dezember. unbezahlt, versteht sich. als ob die augen sich nach wochen der blindheit wieder öffnen würden.
noch immer gehe ich mit der neuen aufgabe zu bett und wache mit ihr auf, nicht selten vor der zeit, denn diese arbeit bewohnt mich wie sonst nichts und wie nichts zuvor. aber langsam zieht sie sich zurück auf den platz, der ihr zusteht. das ist gut.
gingerbox - 3. Dez, 00:59
pervers ist, was den akt über die person stellt. dieser satz klebt in meinem hirn, und ich weiß nicht mehr, woher ich ihn habe, aber sicher ist, solche sachen fallen mir nicht von selber ein. irgendein zitat von irgendwoher scheint hier vor sich hin zu gären, und so etwas bestimmt dann das denken. dabei stimmt es nicht einmal. oder? denn dann wäre alles begehren, das nicht vor liebe zerfließt, pervers zu nennen, und dann gäbe es überhaupt keinen sex, der nicht pervers wäre. - dass dem nicht so ist, ist ein zeichen der zeit. man darf mittlerweile genießen, ohne sich dem verdacht der unmenschlichkeit auszusetzen, gottseidank.
was aber pervers ist, sieht man in den augen der andern, wenn jemand in die runde kommt und einen begrüßt, so dass klar ist: die beiden sind zusammen. und es hockt einem im kopf: ich will dich, aber ich weiß nicht, ob ich mit dir gesehen werden will. wofür schämt man sich denn? du bist das symbol meiner abweichung, meiner neurosen, meiner defizite; dass ich dich begehre, zeigt der welt meine schwäche, mein scheitern an der norm. man hat, in meiner lage, einen zwei bis vier jahre älteren burschen mit guter ausbildung und solidem job zu begehren, mit dem sich eine zukunft aufbauen lässt. oder man hat sich für seksualitäht zu entscheiden und seine promiskuität vor sich her zu tragen.
als pervers hingegen gilt, worüber die anderen ihr urteil fällen können, noch bevor sie die geschichte gehört haben. es sind konstellationen von zweifelhafter natur, und alles wäre leichter, wenn man sich nicht auch selber verdächtigen würde, im anderen gerade das besonders zu begehren, in dem er allgemein und am wenigsten er selbst ist: das andere alter, die andere hautfarbe, das gleiche geschlecht. unhinterfragbar ist heute wie immer nur die boy-meets-girl-geschichte, an deren gesundheit und rechtmäßigkeit gegen alle erfahrung nicht gezweifelt wird. diese geschichte ist so universell (so beliebig), dass sofort nach der konkreten realität gefragt werden muss: erzähl, wie habt ihr euch kennengelernt? alle anderen geschichten nageln einen fest auf die eigene identität: hast du einen vaterkomplex? kriegst du keinen österreicher ab? hast du angst vor männern? gerade von den erfahrungen auf dem weg dorthin, zu einer beziehung, die nicht den normen entspricht, will man gemeinhin gar nichts hören, oder es interessiert bestenfalls das problematische daran. da ist es schon ein fortschritt, sich diskriminiert nennen zu können, weil es den vorwurf der pathologie an die gesellschaft zurückspielt. (aber natürlich genügt das nicht.)
pervers ist, könnte man auch sagen, was seine eigene geschichte erzählen muss, um sich verständlich zu machen.
a tale of true romance.
gingerbox - 2. Nov, 23:52
völlig aus der zeitachse gefallen.
klicke auf postsecret, im voraus enttäuscht, weil ich sicher ein, zwei updates verpasst haben muss. aber es sind noch immer die selben bilder. es ist keine woche vergangen.
mails lesen. sich an ein telefonat erinnern, das einem davon vorausgegangen ist. dieses mail hat das datum: freitag, 29. september. beim lesen des wortes „freitag“ denke ich: was, eine woche ist das schon her? das gibts nicht. dann lese ich zahl und monat. es ist heute gekommen. heute früh.
22 uhr. zum sterben müde.
20 vor 2. noch immer wach.
gingerbox - 30. Sep, 01:44
nach vier jahren nehme ich meine arbeitskraft und dieses kleine häufchen zeug mit.
fühlt sich gut an.
gingerbox - 19. Sep, 16:16
eine woche noch, dann muss alles fertig und der schreibtisch ausgeräumt sein. schlüssel abgeben, nochmal alle umarmen, raus aus der tür und hinein in ein neues leben. anderswo werde ich schon erwartet.
und es war höchste zeit. auf den letzten metern macht sich das gewicht der vergangenen monate noch einmal bemerkbar - ich will schon lange nicht mehr, auch weil es nichts mehr zu wollen gegeben hat. jetzt noch die kraft aufbringen für einen glitzernden abgang? woher soll ich die nehmen? ich werde, wie immer, rückwärts und ohne hinzusehen über die ziellinie stolpern, die letzten irgendwie wichtigen zettel noch in die tasche stopfen und daheim bald wegwerfen.
gingerbox - 7. Sep, 22:46

hätte ich ein register, könnte ich feststellen, wie oft das wort
fort hier bereits vorkommt.
einmal mehr: fort. ich muss wandern.
aber ich werde wiederkommen.
gingerbox - 30. Jul, 21:56
e. meint ja, man solle darüber nur unter gleichgesinnten sprechen, um durch die eigene aufregung nicht auch noch zusätzlich werbung zu machen, aber ich finde, wenn sich
bundeskanzlerdoktorwolfgangschüssel ein vierteljahr vor der nationalratswahl mit rot-weiß-rotem schal und fußballdeppen-gesichtsbemalung in
einer werbekampagne für seperatorenfleischlaberl plakatieren lässt, dann darf man schon mal öffentlich bekunden: das ist ein skandal.
supersüß ja vom
bundeskanzlerdoktorwolfgangschüssel und seinem team, dass sie von nichts gewusst haben wollen. beim essengehen mit dem agenturchef ist ja verständlicherweise keine zeit, da wird
für österreich gearbeitet, dass es eine freude ist, schließlich schreibt sich parteiwerbung auch nicht von allein, da lacht man vielleicht auch mal über
die roten oder erzählt, dass
unsere leut' jetzt auch eine gewerkschaft aufmachen,
na, wurscht jetzt: spendets halt was an irgendwelche armen kinder, dann passt das schon, der willi kriegt das hin, hat eh so an guten draht zur moni, der agenturchef nickt sich durch bis zum dessert, sagt
sehr gut, so kamma arbeiten. so stell ich mir das vor.
e. wiederum regt sich am meisten darüber auf, dass es mcdonald's ist, für das schüssel wirbt: gesundheitsschädlicher fraß, der die leute krank macht, auf den die österreicher aber stehen. recht hat sie. aber in einem land, das dem spö-chef als charakterfehler anrechnet, sich mit wein auszukennen und gern gute qualität zu trinken, ist die mekki-werbung nur folgerichtig. schüssel sagt uns hier und jetzt: ihr fressts die grod, und ihr werdet es lieben. über allem weht der fußballschal. ole, oleoleole.
(rülpsend ab)
gingerbox - 18. Jun, 23:54