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ueberschreitungen

Dienstag, 1. Dezember 2009

...

Die Zeit rast, und nur der Schmerz hält sie auf.

Mittwoch, 19. August 2009

am nordwaldkammweg

grenze01-jpg
der weg beginnt im dreiländereck bayern-österreich-tschechien. grenze und grenzübergänge sind noch sichtbar, aber nicht immer so klar wie hier.

wollsack01-jpg
so ist das mühlviertel wirklich, an bestimmten stellen. "wollsackverwitterung" heißt diese form. muss man mal drauf kommen.

hierregiert01-jpg nur zur sicherheit, damit man nicht vergisst, wo man sich befindet. die gefahr ist allerdings, offen gesagt, gering. mit diesen zeichen sagt der eingeborene: sie halten sich in österreich auf und begehen den nordwaldkammweg. dass sie sich setzen können und auch dürfen, dafür sorgt die partei.

schmerzensmann01-jpg die katholische volksfrömmigkeit ist schwerer auszuhalten, als ich erwartet habe. alle kilometer steht ein marterl, eine kapelle oder kirche. am schlimmsten sind aber die kreuzwege und die vorstellung, dass es ein sonntagsvergnügen war, sich verurteilung, todesmarsch und hinrichtung eines politischen gefangenen möglichst anschaulich vor augen zu führen.

gipfel02-jpg in hoc signo vinces - am ende unseres weges gelang es mir, die symbolik zu ignorieren. das gehen tat gut, und den blick vom berg kann mir keine kirche vestellen.

Dienstag, 14. Juli 2009

bildungskarenz, olé!

gitarrestunden. sport. einen haufen bücher lesen und vor allem: endlich wieder etwas lernen! seit die chefin gestern meinen wunsch nach bildungskarenz abgenickt hat, kommt die freude in wellen. was ich alles werd' machen können! gut, ich werde mit einem betrag auskommen müssen, der unter der armutsgrenze liegt, weil sich das weiterbildungsgeld wie das arbeitslosengeld am gehalt bemisst und man mir für ein studium, sagen-wir-mal zehn jahre berufserfahrung und zwei jahre auf dem aktuellen job so viel bezahlt, wie einer anlernkraft im fitnessstudio, aber was soll's.

freude macht mir auch die aussicht, in eine welt einzusteigen, die nichts schöngeistiges hat. einst war ich ein junges ding und rief mit walt whitman: "pioneers! oh, pioneers!" heute bin ich ein älteres ding und rufe ganz allein: "engineers! oh, engineers!" eure pragmatische sicht auf die welt inspiriert mich, euer kryptischer fachjargon atmet melancholie, eure art, euch zu kleiden, ist der letzte mögliche akt des protestes gegen flacharsch-strechjeans und pornosonnenbrillen - und ihr wisst noch nicht einmal davon. war es nicht kleist, der anhand des dornausziehers (pdf)beschrieben hat, dass schönheit zur gänze aus der unbewusstheit entspringt? ihr seid der letzter hort des klassischen ideals. gewährt mir einen platz in eurer mitte, ihr tapferen männer und frauen, und ich werde eure übersetzerin sein und der welt verkünden, was ihr wieder großartiges erfunden habt.

Sonntag, 21. September 2008

herr, deine dings ist wie gras

auf hochzeit gewesen.

irgendwo tief im westerwald, die braut war kölnerin aus korea, der bräutigam ehemaliger radiomoderator und der trauzeuge türkischstämmiger comedian. der steinalte katholische pfarrer meinte in seiner predigt, man solle sich nicht entmutigen lassen, er persönlich wundere sich und freue sich sehr, dass immerhin zwei drittel der ehen nicht geschieden werden. und überhaupt! dann sah man den bräutigam sich die tränchen aus dem augenwinkel wischen, wir frauen schlotterten in unseren dünnen kleidchen und dünnen schuhen, und h. drückte meine hand, weil er sich an die letzte seiner eigenen hochzeiten erinnerte und ganz aufgeregt war und voller flashbacks.

es war auch der tag, an dem ich endlich h.s liebsten freund d. kennen lernen sollte, ein fast zwei meter großes monster und riesenbaby mit dem temperament eines drachen. die beiden verehren einander von herzen und pflegen eine fast lehrbuchhafte männerfreundschaft, bei der sich über wochen keiner beim anderen meldet, aber man weiß, dass der andere immer parat sein wird, wenn es brennt. beide haben sie mir unabhängig voneinander verkündet, der andere habe sich in den vergangenen eineinhalb jahren so toll entwickelt, es sei unglaublich, einen gewaltigen sprung nach vorne habe er gemacht, einfach toll! "du bist richtig", flüstert d. mir lallend ins ohr, küsst erst mich, dann h. sehr feucht ins gesicht und randaliert dann an der bar, weil er keinen wodka mehr bekommt, und als das vokabular total entgleist, ruft ihm h. noch zu "was haben wir über die stopp-wörter besprochen?", so dass d. seine hauptwörter durch quietschlauten der selbstzensur ersetzt und die anderen gäste ihn freundlich, aber bestimmt zurück zur tanzfläche lotsen.

Mittwoch, 7. November 2007

rom

zum ersten mal war ich dort noch als jugendliche mit familie und reisegruppe im bus, und schlecht ist mir geworden nach zwei, drei stunden, weil hinter jeder ecke wieder irgendetwas großartiges und uraltes wartete, der elefant mit dem obelisken, da stand ich und wusste: das ist jetzt der kulturschock. es war groß und es blieb groß.

dann auf der heimreise vom ersten mal in kalabrien, die eisenbahner hatten gestreikt, wir kamen mitten in der nacht völlig erledigt an termini an, ein freund von a. holte uns ab, quartierte uns bei sich ein und kochte noch für uns. (die autos. die lichter.)

dann auf der heimreise vom zweiten mal in kalabrien, ich hatte ein paar stunden, ich wartete auf den nachtzug, ich wanderte von den vier flüssen hinunter zu barberini, ein ankommen jedesmal, ein glück, das über mir zusammenschwappt, jedesmal wieder.

jetzt mit h. in trastevere und borghese in der sonne, die vielen kilometer in diesen gassen, die sich zu keinem plan im kopf zusammenfügen lassen wollen, klein sind die viertel, die wir touristen abwandern, der stadtplan des zentrums ist winzig, es nützt nichts, ich verliere mich immer wieder aufs neue, zum glück.

und am abend kommen die stare in riesigen schwärmen über die stadt und fallen irgenwann schreiend in die bäume ein, die schwarzen schreienden wolken.

Freitag, 30. März 2007

vanity fair

die überraschenden stunden, in denen plötzlich nichts gewollt werden muss und in denen trotzdem spuren der disziplin

das zumindest könnte arbeiten bedeuten: sich selbst im bildhintergrund parken, keine lust mehr auf die eigene befindlichkeitsprosa.

keinen eigenen gedanken fassen.

"cool" von poschard lesen, das bei 2001 verramscht wird, denken: "das waren die 90er, mein gott, echt wahr." culturalstudiesdiskurskulturgeschwurbel, bei dem mir ganz warm ums herz wird. so fühlt sich heimat an, ein nostalgisches seufzen, fast heimweh nach dem code und nach der zeit, als alles bedeutsam war. und damals schon der verdacht, dass da was fehlt, dass was gelogen ist, oder eher und schlimmer noch, dass etwas naiv nicht gesehen wurde, nicht erkannt in seiner brisanz: geld und arbeit und macht, auch wenn von nichts anderem die rede war. das mag mit meiner lebenssituation zu tun gehabt haben, in der das alles schöne, verspielte, aufregende theorie war und das leben trotzdem leicht einfach übersichtlich selbstbestimmt. aber waren die kritischen, klugen leute der 90er je für irgendjemanden relevant, der in einer anderen lebenssituation steckte? dass all das nicht politisierbar war, kann man das irgendjemandem vorwerfen?

Sonntag, 4. Februar 2007

fressen und gefressen werden

pass auf, sagt der kollege, [die firma] hat eine tendenz, ihre leute aufzufressen. in meinem ersten jahr habe ich nach der arbeit noch jeden abend vier stunden daheim weitergearbeitet und die wochenenden durch.

deshalb habe ich den job angenommen, antworte ich, das wollte ich ja: mich fressen lassen.

***

pizzaecken, wurstsemmeln aus dem automaten, schokolade, nusskipferl, kaffee vom bordservice im zug, sandwiches von air berlin, topfengolatschen, jedenfalls immer: kohlenhydrate kalt und aus der hand, beim tippen, im gehen, im stehen, nebenbei, ein runtergewürgter bissen, weil das telefon läutet, nudeln beim take-away-asiaten am westbahnhof, sushibox, sogenanntes urkornbrot zu apothekenpreisen, ebenfalls vom bahnhof, am türken in meiner gasse komme ich nur vorbei, wenn er noch oder schon geschlossen hat.

es ist schon ein zeichen von erholung, wenn man alkohol wieder erträgt und zigaretten. über wochen: totale abstinenz, der körper sagt nein, das bier macht müde, die zigaretten verhindern das atmen, das alles ist zuviel.

***

wovor hast du angst, fragt der mann.

dass du mich auffrisst, antworte ich, dass meine grenzen sich auflösen. du bist in meinem knochenmark. ich sehe die kitschigsten liebesfilme, und sie kommen mir realistisch vor. und so war ich nie. ich erkenne mich nicht wieder, mit dir ist alles anders.

***

vor dem spiegel: der körper hat jeden tonus verloren. ich liege im bett, ich sitze am schreibtisch, ich telefoniere mit dem mann, ich liege wieder im bett, so vergehen die tage, so verändert sich der körper.

Sonntag, 3. Dezember 2006

aufwachen

ich finde die zahlscheine für die miete auf dem schreibtisch gleich neben der tastatur wieder. oktober, november, dezember. unbezahlt, versteht sich. als ob die augen sich nach wochen der blindheit wieder öffnen würden.

noch immer gehe ich mit der neuen aufgabe zu bett und wache mit ihr auf, nicht selten vor der zeit, denn diese arbeit bewohnt mich wie sonst nichts und wie nichts zuvor. aber langsam zieht sie sich zurück auf den platz, der ihr zusteht. das ist gut.

Donnerstag, 2. November 2006

... und sie lieben mich

pervers ist, was den akt über die person stellt. dieser satz klebt in meinem hirn, und ich weiß nicht mehr, woher ich ihn habe, aber sicher ist, solche sachen fallen mir nicht von selber ein. irgendein zitat von irgendwoher scheint hier vor sich hin zu gären, und so etwas bestimmt dann das denken. dabei stimmt es nicht einmal. oder? denn dann wäre alles begehren, das nicht vor liebe zerfließt, pervers zu nennen, und dann gäbe es überhaupt keinen sex, der nicht pervers wäre. - dass dem nicht so ist, ist ein zeichen der zeit. man darf mittlerweile genießen, ohne sich dem verdacht der unmenschlichkeit auszusetzen, gottseidank.

was aber pervers ist, sieht man in den augen der andern, wenn jemand in die runde kommt und einen begrüßt, so dass klar ist: die beiden sind zusammen. und es hockt einem im kopf: ich will dich, aber ich weiß nicht, ob ich mit dir gesehen werden will. wofür schämt man sich denn? du bist das symbol meiner abweichung, meiner neurosen, meiner defizite; dass ich dich begehre, zeigt der welt meine schwäche, mein scheitern an der norm. man hat, in meiner lage, einen zwei bis vier jahre älteren burschen mit guter ausbildung und solidem job zu begehren, mit dem sich eine zukunft aufbauen lässt. oder man hat sich für seksualitäht zu entscheiden und seine promiskuität vor sich her zu tragen.

als pervers hingegen gilt, worüber die anderen ihr urteil fällen können, noch bevor sie die geschichte gehört haben. es sind konstellationen von zweifelhafter natur, und alles wäre leichter, wenn man sich nicht auch selber verdächtigen würde, im anderen gerade das besonders zu begehren, in dem er allgemein und am wenigsten er selbst ist: das andere alter, die andere hautfarbe, das gleiche geschlecht. unhinterfragbar ist heute wie immer nur die boy-meets-girl-geschichte, an deren gesundheit und rechtmäßigkeit gegen alle erfahrung nicht gezweifelt wird. diese geschichte ist so universell (so beliebig), dass sofort nach der konkreten realität gefragt werden muss: erzähl, wie habt ihr euch kennengelernt? alle anderen geschichten nageln einen fest auf die eigene identität: hast du einen vaterkomplex? kriegst du keinen österreicher ab? hast du angst vor männern? gerade von den erfahrungen auf dem weg dorthin, zu einer beziehung, die nicht den normen entspricht, will man gemeinhin gar nichts hören, oder es interessiert bestenfalls das problematische daran. da ist es schon ein fortschritt, sich diskriminiert nennen zu können, weil es den vorwurf der pathologie an die gesellschaft zurückspielt. (aber natürlich genügt das nicht.)

pervers ist, könnte man auch sagen, was seine eigene geschichte erzählen muss, um sich verständlich zu machen.

a tale of true romance.

Samstag, 30. September 2006

in memory of elvira

völlig aus der zeitachse gefallen.

klicke auf postsecret, im voraus enttäuscht, weil ich sicher ein, zwei updates verpasst haben muss. aber es sind noch immer die selben bilder. es ist keine woche vergangen.

mails lesen. sich an ein telefonat erinnern, das einem davon vorausgegangen ist. dieses mail hat das datum: freitag, 29. september. beim lesen des wortes „freitag“ denke ich: was, eine woche ist das schon her? das gibts nicht. dann lese ich zahl und monat. es ist heute gekommen. heute früh.

22 uhr. zum sterben müde.
20 vor 2. noch immer wach.

liquid center

fließende inhalte in starren formen

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