praeformationen

Donnerstag, 22. Mai 2008

der lehrer, 1983

Als Kind war ich überzeugt, dass mein Lehrer meine Gedanken lesen kann. Er war ein gewalttätiger, brutaler Mensch, war aber aufgrund seiner für die Verhältnisse des Dorfes überdurchschnittlichen Bildung de facto unantastbar. Vielleicht lag es aber auch nur an seiner Brutalität, die die Dorfleute mit Lust genossen, auch wenn sie es nicht zugaben, vielleicht hätte er ganz ungebildet, roh bis zur Lächerlichkeit sein können und sie hätten ihn trotzdem geachtet, einfach weil er der Dorflehrer war, weil er herumschrie und ihre Kinder schlug.

Einmal kam die Mutter einer Klassenkollegin zu ihm in die Sprechstunde. Das Mädchen hatte geweint daheim, den Grund weiss ich nicht mehr, denn er gab jeden Tag viele Gründe, jedenfalls stand diese Frau, die mächtigste Bäurin des Orts, die damals schon mit ihrem Mann überteuerte und feuchte Wohnungen an hilflose Gastarbeiter vermietete, die sich über Ausländer ausließ und ganz vorne in der Kirche saß, stand also diese Frau vorsichtig und kriecherisch lächelnd im dunklen Konferenzzimmer und bat, sie wisse, ihre Tochter habe eben irgendetwas getan oder vergessen, es werde nie wieder vorkommen, das verspreche sie, um ein bißchen Rücksichtnahme. Das Mädchen habe doch so geweint.

Er versprach es ihr. Am nächsten Morgen holte er das Mädchen hinaus an die Tafel und fing sofort an, sie anzuschreien und lächerlich zu machen. Das Mädchen stand vorne, klammerte sich mit beiden Händen an ihre Hosennähte und fing dann doch zu weinen an. Der Lehrer schrie noch lauter und lachte sie aus, „die Trenzn, das Mensch, das Mamakind“, und wann er dann aufhörte und wie es endete weiß ich nicht mehr, aber es muss ja irgendwann aufgehört und irgendwie geendet haben, denn sonst säßen wir alle noch immer im Klassenzimmer und hörten zu, wie der Lehrer das Mädchen erniedrigt.

Geschlagen wurden nur die Buben. Es waren weniger Ohrfeigen, die der Lehrer ihnen gab, als grobe Rempler, ein kräftiger, wütender 50jähriger packt den Körper eines achtjährigen Buben am Kragen seines billigen Pullovers, schüttelt ihn und schleudert ihn zornig von sich, so dass das Kind rücklings über die kleinen Kinderschulsessel fällt, den Kopf schlägt es sich gerade noch nicht an der Bank hinter ihm, aber die Sessel kippen auf das Kind, es muss seine Glieder sortieren, mit gelblackierten Sprossen verkeilte Beine und Arme.

Dieser Bub war fehlsichtig und hatte eine dicke Brille, was ihn immer irgendwie verdutzt aussehen ließ, auch an diesem Nachmittag, die Haare wie immer zerzaust, noch mehr durch den Sturz, und die Augen abgewandt, als er sich aufrappelte, um nicht die Rage des Lehrers durch einen Blick noch einmal wachzurufen oder besser zum Ausbruch zu bringen, denn er wusste auch ohne hinzusehen, was wir sahen, dass nämlich die Wut des Lehrers noch da war und nur innehielt und ihr nächstes Ziel erwartete.

Früher sei er noch schlimmer gewesen, sagten die Erwachsenen. Früher war der Lehrer jung und ständig geladen, alles konnte ihn zum Ausrasten bringen, vor allem Dummheit, auch Faulheit, die Angst der Kinder, kleinste Fehler dienten als Vorwand. Als er unser Lehrer wurde, war er schon älter und zynischer, die Abwertung erfolgte verbal, die Schläge waren seltener als früher, so sagte man zumindest. Auch der Alkohol wirkte dämpfend auf ihn.

Ein anderes Mädchen, wir waren sieben oder acht Jahre alt, schrie er minutenlang an, weil sie an einem heißen Tag während der Stunde die Socken auszog. Die Tränen standen ihr in den Augen, aber sie traute sich nicht zu weinen. Aber mich hat er geliebt, denn ich war die beste Schülerin der Klasse, auch von den Buben war keiner besser als ich.

Damals gab es noch ein Fach namens „Heimatkunde“. An einem Wintertag ließ der Lehrer hektografierte Abzüge vom Umriss unseres Ortes durchgeben. Jedes Kind hatte sich einen Abzug zu nehmen und ins Heft zu kleben, dann würden wir gemeinsam die Ortsteile einzeichnen, die wichtigen Punkte markieren und beschriften und so etwas lernen.

Die Umrisse unseres Ortes waren charakteristisch, wie wir schnell merkten. Sie erinnerten an den Kopf eines Mannes mit Spitzbart im Profil. Die Kinder in der ersten Reihe lachten schon und schrieen es heraus, die Reihen dahinter wurden immer ungeduldiger. Endlich hatte auch ich ein Blatt in der Hand. Ich freute mich, schnitt das Blatt zurecht, um es ins Heft kleben zu können, drehte es um, öffnete die Klebstofftube, trug eine dünne Spur Klebstoff an den Rändern auf, drehte das Blatt erneut, diesmal noch vorsichtiger, wieder um, legte es langsam auf die leere Heftseite, strich es glatt, klebte eine lose Ecke noch extra fest, strich noch einmal darüber, legte dann die Hände links und rechts neben das Heft und sah, dass ich den Kopf des Mannes verkehrt eingeklebt hatte. Das Blatt stand auf dem Kopf. Der Spitzbart zeigte nach Norden.

Ich weiß nicht mehr, ob mir heiß geworden ist oder flau im Magen. Ich weiß nur, dass ich nicht wagte, meinen Fehler zu bekennen. Irgendwie muss ich das Heft umgedreht haben, um gemeinsam mit der Klasse die Eintragungen zu machen. Dann wurden die Hefte abgesammelt.

Während der nächsten drei Tage spielte ich wie üblich nach der Schule mit den Kindern der Nachbarn, sah fern, las ein bisschen und versuchte, nicht zu denken. Am dritten Abend saß ich allein in der Küche, und hinter dem Haus ging die Sonne unter und leuchtete blass durch die niedrigen Fenster, als ich mir wünschte, der Lehrer würde sterben. Dieses Gefühl, dass er einfach nicht existierte, dass er nie mehr existieren würde, sondern dass ich unbeschwert, unbeobachtet war, war wunderbar und erfüllte mich zum ersten Mal in meinem Leben mit dem Bewusstsein von Freiheit und Knechtschaft zugleich. Ich fühlte, wie es wäre, frei zu sein, welch ein Glück es wäre. Und ich fühlte, dass ich gebunden war. Dass es keinen Ausweg gab. Und dass ich schuldig war, ihm den Tod gewünscht zu haben, wofür er mich bestrafen würde.

Ich sah aus dem Fenster. Hinter dem Haus lag ein kleiner, stinkender Fischteich, so seicht, dass ihn nur das durchfließende Rinnsal vor dem Zufrieren bewahrte. Und da draußen schwebte der Geist meines Lehrers, da draußen war er und wusste, dass ich mir seinen Tod wünschte. Sein Körper war in der Schule, aber sein Geist war überall, wo immer ich war. Die Mauern meines Elternhauses konnte er nicht durchdringen, aber meine eigenen Gedanken waren stark und unkontrollierbar, mit meinem Blick waren sie durch das Fenster hinaus geflogen, und dort hatte sie der Geist meines Lehrers erkannt. Einen Augenblick nur hatte das gedauert. Wie man einen Lichtschalter umlegt, so knipste ich meine Gedanken aus.

Am nächsten Tag war wieder Heimatkunde. Ich erwartete mein Urteil. Die Hefte wurden ausgeteilt, alle fingen an zu blättern. Ich fand die Seite. Neben dem in den Himmel ragenden Spitzbart stand mit der gut leserlichen Schrift des Volksschullehrers:
Verkehrt eingeklebt!
Nicht mehr. Der Rest war als in Ordnung beurteilt worden. Ich atmete aus und lächelte.

Ein halbes Jahr später führte er uns am Wandertag auf den nahegelegenen Berg, wo auf den Ruinen einer römischen Basilika eine kleine Kirche errichtet worden war. Der Tag war heiß. Mit großen Schritten bestieg er den Hügel, wir Kinder hinterdrein. Der Staub der Forststraße klebte uns in den verschwitzten Gesichtern. Ich war ein unsportliches Kind und schritt konzentriert vorwärts.

Nach einer dreiviertel Stunde waren wir oben im blanken Licht der Mittagshitze und rasteten. Im der Kirche angeschlossenen Wirtshaus kauften sich einige Kinder Almdudler, die meisten packten ihre mitgebrachte Jause aus, aßen und tranken und fingen bald zu spielen an.
Der Lehrer setzte sich abseits, ohne uns zu beachten. Eine zweite Klasse war dabei, die junge Lehrerin kümmerte sich um alles.

Ich spielte nicht, sondern saß allein und erwartungsvoll herum. Die Kinder waren dumm und oberflächlich. Mein Lehrer, ein gebeugter, einsamer Mann. Ich erhob mich und ging zu ihm hinüber, setzte mich so nahe ich aushalten konnte neben ihn, zwei Meter waren wohl zwischen uns, vielleicht auch weniger, ich war ein kleines Kind und nahm Entfernungen anders wahr, als eine Erwachsene es tut.

Was dann geschah, weiß ich nicht mehr genau. Er bemerkte mich, sah mich kurz an, aber auch ob er mich ansprach, weiß ich nicht mehr. Sicher redeten wir nicht viel, ganz sicher nichts von Bedeutung. Ich weiß nur, dass ich mich ihm sehr verbunden fühlte, ich glaubte, dass er es auch fühlte, und ich weiß heute, dass ich ihn begehrte. Wir waren uns ähnlich in unserer Einsamkeit. Mich als einzige ließ er daran teilhaben. Wir beide waren klüger als alle anderen, das war unsere Tragik.

Irgendwann stand ich wieder auf und ging weg.

Ein, zwei Jahre später, ich ging schon ins Gymnasium, sah ich ihn noch einmal. Meine Familie war im Dorfwirtshaus, um einen Geburtstag zu feiern, da stand er plötzlich im Türrahmen, besoffen und wütend, dozierte und schrie. Schon bei seinem Anblick packte mich wieder die Angst um Schultern und Knie, und es tat gut zu wissen, dass ich zwischen meinen Eltern saß und der Tisch mich von vorne schützte. Er bemerkte mich nicht, meine Eltern starrten ihn halb fassungslos, halb peinlich berührt an, und schon kam der Wirt, redete auf ihn ein und führte ihn aus dem Zimmer.

Das war die letzte Begegnung. Etwa zehn Jahre später nahm sich der Sohn des Lehrers das Leben. Man erzählte, er habe ihn selbst gefunden, von der Decke baumelnd. Ich könnte nicht sagen, ob ihn dieses Erlebnis endgültig gebrochen hat.

Ein Bekannter sagte einmal meinen Eltern, und ich war dabei, als er es erzählte, dass er sofort zum Lehrer gegangen war, nachdem er erfahren hatte, dass er seinen Sohn unterrichten würde, und ihm sagte: Wenn ich nur den leisesten Verdacht habe, dass Sie mein Kind anrühren, hetze ich Ihnen den Landesschulrat auf den Hals. Kriecherisch soll er beteuert haben, dass er natürlich niemals irgendetwas derartiges tun würde.

Ich studierte schon, als mir meine Mutter erzählte, dass der Lehrer sich zu Tode gesoffen hatte.

Manchmal denke ich, ich könnte auf den Friedhof gehen und auf sein Grab spucken. Es wäre es wert.

Wien, 1. August 2004

Samstag, 14. Juli 2007

ich hab heimweh

ich vermisse die tiere, im sommer besonders. bloße existenz, die mir um die beine tanzt, bezogenheit auf mein füttern, mein streicheln, auf funktionen der gnade. dabei will ich gar nicht irgendjemandes gott sein. nur erinnert werden will ich daran, dass ich lebe und atme, ganz von allein. dass in allen kreaturen ein herz schlägt, verdammt.

(im gefrierfach liegt ein plastikcontainer mit foliendeckel, darin kullern die hühnerherzen, mein lieblingsessen zur zeit, mit wildreis und rosmarin, das billigste essen, 1 euro 30 für zwanzig herzen.)

erinnerung, in der wiese zu liegen, mit dem gras zu verwachsen. die kindheit vor büchern, aber die jugend im wald, auf den bäumen, zwischen den feldern, allein. (der seltene gang zu den hasenställen, die hockten darin und konnten sich kaum umdrehen.)

der stadl, die tenne, die alten emailtöpfe und angelaufenen gabeln, die plastikkübel, das werkzeug. die werkstatt, der gestampfte boden, schrauben und nägel und öldosen. unter dem dach die fetzen von früher, mieder und mäntel, alte kästen voll stoffbahnen und schulheften, spinnweben und staub. holzleitern mit fehlenden sprossen, ein tischtennistisch. das schwarze holz auf der westseite, das ruhige geräusch der ölpumpe. hollunder und vogelbeeren, ribisel und salatköpfe.

und es war alles nicht wahr.

all diese dinge haben geschwiegen. sie blieben mir fremd, ich kannte sie nicht, sie gehörten nicht mir. aber ein mensch braucht ein paar dinge, die er benutzen darf und auch behalten.

die sommerkleider tragen sich langsam ab, man schlüpft rein, man schlüpft raus, jahr für jahr, das tut gut. tiere würden bleiben und sterben, auch das wäre richtig.

(ogott, heut abend bin ich: SIBYLLE BERG!)

Sonntag, 6. Mai 2007

christa

an meiner mitbewohnerin c. faszinierte mich einiges, unter anderem ihre angewohnheit, den schmierkäse sauber und ordentlich von einem ende des töpfchens zum anderen hin zu verbrauchen. ich fahre gern von oben mit dem messer rein und muss, wenn der gervais zur neige geht, vertrocknete reste von den rändern kratzen, während sie mit ihrer methode über ein zwar immer kleiner werdendes, aber bis zum schluss ausreichend genießbares frischkäsevolumen verfügte und gleichzeitig ein plastikverbundprodukt erarbeitete, das man praktisch ohne abzuwaschen direktemeng der wiederverwertung zuführen konnte.

sie war auch die erste frau, der ich bei der häuslichen maniküre zusehen durfte. in guter erinnerung ist mir ihr bordeaufarbenes etui mit allerlei scharfen gegenständen darin, das sie gern am sonntag zur hand nahm, um dann die nägel zuerst säuberlich zu schneiden und dann zu feilen. die abgeschnittenen nägel lagen ordentlich auf einem geschirrtuch in ihrem schoß.

als ich sie kennenlernte, schrieb sie ihre diplomarbeit. sie ging nach dem abschluss zurück aufs land, heiratete ihren freund und wurde eine hervorragende klinische psychologin für die härtesten junkies in ganz oberösterreich.

Montag, 28. August 2006

„zum knochenkotzen“

dass gleichermaßen begeisternde wie verwirrende an deutschland ist der gelernten österreicherin ja die tatsache, dass dort tatsächlich öffentliche debatten geführt werden - dass menschen, die nicht politikerInnen sind, meinungen formulieren, und andere darauf reagieren, und dass es dabei wirklich um etwas geht. wie undenkbar das in österreich ist, merke ich an meinem mich selbst beschämenden widerwillen, der eher eine beunruhigung ist, mit der ich diese diskussionen verfolge: je näher mir ein thema ist, desto weniger will ich im grunde davon hören. nur nicht drüber reden, es könnte alles noch viel schlimmer werden. jede diskussion nur denkbar als dammbruch, nach dem das übel wieder terrain gewonnen haben wird. ich denke, dass das, was ich jetzt mal unsere seite nennen will, die besseren argumente hat, ich denke sogar, dass sie oft als einzige seite argumente hat, wo der gegner sein ressentiment auslebt. und ich würde gern darauf vertrauen, dass diese argumente überzeugen können und uns gewinnen lassen. aber ich glaube es nicht.

jetzt wieder die debatte zur frauensache, die ausgerechnet die zeit dankenswerterweise und endlich mit dem einzig richtigen wort verknüpft hat: feminismus. leider sieht man der sache auch an, wie sie entstanden sein muss: jetzt hat cicero die herman gehabt, da hängen wir uns doch mal dran. lassen wir mal ein paar frauen quatschen, die sollen ihren senf dazu abgeben. ein rumpeldurcheinander an frauen wurde da zusammengetrommelt, und auch wenn alle was zu sagen haben und das ausgehen von den eigenen erfahrungen sehr ehrenhaft und eine alte feministische forderung ist - es hätte mehr texte gebraucht wie den von karen duve, die die burschen beim namen nennt: schirrmacher, mattusek, stuckrad-barre. so muss es sein: eine strukturelle kritik, die die exponenten benennt, nicht umgekehrt von der struktur nichts wissen wollen und stattdessen nur das eigene umgehen damit schildern, auch wenn es noch so reflektiert sein mag, denn es ist ein Symptom der Erinnerung an unseren Sklavenstatus, schrieb streeruwitz, der Anspruch an eine gesichtslose Masse, daß jedes Teilchen dieser Masse für die gesamte Masse stehen kann und deshalb in der Lage ist, Auskunft über die Masse zu geben.* - die größte niederlage in diesem unternehmen so far leider frau von lange, die von den problemen deliriert, die es mit sich bringt, einen mann zu lieben und trotzdem emanzipiert sein zu wollen.

aber vielleicht gärt was, ich weiß es nicht. zwei sehr gute texte zum thema haben jedenfalls casino und miss m. geschrieben, und ich dachte beim lesen wieder einmal, wie froh ich bin, dass es blogs gibt.

keine conclusio heute.

* Marlene Streeruwitz: Können. Mögen. Dürfen. Sollen. Wollen. Müssen. Lassen. Frankfurter Poetikvorlesungen (Suhrkamp)

Samstag, 1. Juli 2006

say it loud

freitagabend. a week's workload is done. ich liege auf der couch. kein alkohol im haus. zwei stunden sind vergangen und ich weiß nicht wie. keine musik. kein fernsehen. auf meinen schienbeinen wachsen härchen, von denen muss ich hundert mit den fingern ausgerissen haben.

ich denke an nichts. ich denke an die letzten wochen. ich denke an den lektor im kinderbuchseminar, 43, der aussah wie 33, 1,75 meter groß, 60 kilo, aknenarben, und der sagte, für buben gibt es nichts. sie wachsen bei ihren müttern auf, sie haben kindergärtnerinnen und volksschullehrerinnen und lesen bücher aus kinderbuchverlagen, wo lektorinnen die manuskripte auswählen, die dann von buchhändlerinnen verkauft werden. wir machen bücher für buben. die gefallen den frauen nicht, aber das ist uns egal.

und ich denke an die podiumsdiskussion von drei linken gruppen zu einem thema, mit dem ich mich einmal beschäftigt hatte. ich denke an den moderator und die drei männer am podium, die vor der veranstaltung viele mit ihnen befreundete frauen begrüßten. ich war eine davon. ich denke an den bierbauch des moderators und an den fusselbart eines redners und den haarausfall des anderen. ich denke an den mann im publikum, der bei der publikumsrunde sagte, es ist bezeichnend, dass keine frauen am podium sind und im sammelband zur veranstaltung keine autorinnen. und ich denke an die frau aus einer der drei linken gruppen, die sagte, also ich bin ja eine frau, brüste und so, und ich habe kein problem damit. mein name steht gleich neben dem vom moderator. und dann bin ich gegangen, und als ich später nach der veranstaltung nochmal vorbeikam, stand einer der drei redner in einem rudel junger blonder frauen. und er war 40 und sie waren 25 und auf seinem t-shirt war ein roter stern.

und ich denke an den mann im publikum des kinderbuchseminars, 50, übergewichtig, brille, der sagte, ich betreue communities im internet, ich kenne das. die buben suchen immer die schnelle nummer und die mädchen immer eine beziehung. das ist so. die geschlechterrollen sind seit 15.000 jahren eingeübt.

und ich denke an die alte frau im kinderbuchseminar, die sagte, was hier über männer und frauen erzählt wird, erinnert mich an die nazizeit. damals wurde auch gesagt, der mann ist der eroberer, der hinausgeht in die welt, und die frau ist das bewahrende element. und der mann im publikum sagte, mit diesem argument kann man jede diskussion abdrehen.

und ich denke an den mann, von dem ich beruflich abhängig bin und der mein projekt klein hält. er ist 55, verheiratet, schmerbäuchig, die haare fallen ihm aus. in letzter zeit stellt er sich immer nahe neben mich, wenn wir uns bei einer veranstaltung zufällig begegnen, und versucht ein gespräch zu beginnen. und es nieselte, und er sagte, kommen sie heraus, sie sind doch nicht aus zucker. sie sind süß, aber nicht aus zucker.

und ich denke an den autor, 30, bärtchen, seitenscheitel, der sich bei einer party in eine runde drängte und anfing, eine frau zu beschimpfen, wie sie aussehe, was sie anhabe, sie habe sicher keinen freund, sie solle verschwinden, was sie sich einbilde.

und ich denke an den fußballer, über den der standard schreibt, 34 jahre - das ist nicht alt für einen mann.

ich bin 31, unverheiratet, schlank und habe sogar haare am kopf. ich sehe die männer spielen. sie sind zufrieden, dies alles gehört ihnen. ich beneide sie. ich überlege, ob ich nach ihren regeln spielen könnte. karriere machen und in 15 jahren einen 30jährigen einkochen. und dann beides haben, macht und sex. zur zeit behandeln mich die beta-männchen wie dreck. aber das kann auch ein gutes zeichen sein. die männer, die nicht mitspielen, sehen mich mit großen augen an und schweigen.

ich brauche einen verbündeten.

man kann heute leichter sagen, man sei kommunist, als man sei feministin.

ich denke an nichts.

Montag, 5. Juni 2006

achtelbauern

siebtelbauerndie e. hat mir erzählt, dass ihre schwiegermutter ihre wohnung nie betreten hat. „das waren häuslleut, da geht man nicht hinein.“ sie hat nicht einmal den türgriff berührt, er könnte ja dreckig sein. einen von den drei enkelbuben hat sie nicht mögen. einfach so. seit er geboren wurde, hat er ihr nicht gepasst. jogl hat sie ihn immer genannt, „du bist a so a jogl“, aber nicht liebevoll, sondern abwertend. wenn er ihr mit einem anderen bruder was geholfen hat, hat der andere immer mehr geld dafür bekommen. „er ist der meister [da moasta], du bist der lehrbub“, hat sie gesagt. und das hat der e. so weh getan immer, das waren ja ihre kinder, ihre drei buben. aber die alte frau war so böse [so bes]. sie hat im ersten stock gewohnt, den ganzen ersten stock hat sie bewohnt in dem riesigen vierkanthof, allein, und unten die familie mit den drei kindern, die auch immer größer geworden sind und platz gebraucht haben. eines tages hat sie sich doch erbarmt und ein zimmer im ersten stock für einen von den buben freigegeben, und seitdem hat sie keinen groschen kostgeld mehr bezahlt. bis dahin hat sie immer tausend schilling im monat bezahlt, aber dann nichts mehr. „wohnt ja eh der bua heroben“, hat sie gesagt. dabei hat sie eine eigene pension und eine pension von ihrem mann, der war schuldirektor. sie hat genug geld. aber sie zahlt nichts mehr.

jetzt ist sie ins altersheim gegangen, von einen tag auf den anderen. sie hat daheim nichts gesagt, sie hat nur gesagt: „morgen fahre ich nach k.“ jetzt ist sie dort in probepflege. sie hat bei der verwaltung angegeben, dass sie kein geld hat, keine sparbücher und nix. das kostet einiges, wenn man sich ein altersheim selber zahlen muss. aber die e. hat gesagt, sie zahlt keinen groschen für sie. es ist ihr wurscht, was sie dort behauptet - von ihr kriegt sie kein geld.

die e. hat gesagt, sie hat immer geglaubt, wenn die alte frau ausgezogen ist, kommt die große freude und die erleichterung, aber bis jetzt ist es nicht so. die schwiegermutter hat auch die wohnung noch nicht ausgeräumt. und sie hat jemand anderen gebeten, dass sie um ihre blumen schaut. das trifft halt wieder die e. so., dass jemand anderer kommt und die blumen pflegt. deshalb hat sie sich jetzt so ein schnapperl an die wohnungstür montiert, damit diese person wenigstens nicht in ihre wohnung kommen kann. bis jetzt hat sie ihre wohnung nicht zusperren können. „ich weiß eh, dass die alte frau hereinkommt und stierlt, wenn wir nicht da sind“, hat die e. gesagt.

e. ist eine freundin meiner mutter und arbeitet als erwachsenenbildnerin. sie leitet einen literaturkreis und versucht, im internet eine diskussionsgruppe für frauen am land zu betreiben, was schwer geht, weil die wenigsten online sind. sie ist etwa 50 jahre alt. ihr mann ist lehrer. ihre söhne sind jünger als ich. der vierkanthof ist prachtvoll, eine alte mühle gehört dazu, die sie selber renoviert haben und in der lesungen und diskussionsrunden stattfinden.

sie sollten die wohnung ausräumen und räuchern gehen, sage ich, weil mir nichts besseres einfällt.

meine mutter sieht mich an und sagt: das ist alles noch gar nicht lange her. und sie meint: die verachtung der großen bauern und der angesehenen leute am dorf gegen die kleinhäusler. drei generationen. ein achtel der großeltern ist noch in jedem der drei buben.

mit meiner schulfreundin t. war ich 1998 oder 1999 im kino, wie sie siebtelbauern gespielt haben, und nachher war sie ganz aufgeregt und aus dem häusl und hat immer nur gesagt: bis heute sind sie so, die bauern, nix hat sich geändert, genau so sind sie! ich habe das übertrieben gefunden. t. hat damals wieder mit ihren eltern in einem haus auf der schattseite gewohnt, wo sie schafe gezüchtet und einen kleinen nebenerwerb betrieben haben. sie ist in der gegend geblieben.

foto: absolutmedien.de

Mittwoch, 12. April 2006

it's my rage

nach SAD, der seasonal affective disorder, wie die gute alte winterdepre nach pimp my psyche jetzt heißt, beginnt jetzt offenbar SIR, spring-induced rage. das arschloch.

Mittwoch, 5. April 2006

einsamkeit macht dumm

Daher kommen dann die Schrullen, aber mehr noch kommen die vom Ungeliebtsein.

heute abend gehen wir zu sibylle berg.
zu zehnt.

Donnerstag, 23. März 2006

nur blödsinn jetzt

es will grad gar nicht gelingen, irgendwas zu schreiben, das auch nur einen einzigen gedanken beinhalten würde. geht einfach nicht. alles zu nah, hat alles zu viel mit mir zu tun, ist alles zu verwaschen und zu verschwurbelt: über literatur zu schreiben (dabei gäbs so gutes zu berichten), über das schreiben zu schreiben (das gewerbsmäßige und das selbstbestimmte), über die anderen - kein gedanke, der sich formulieren und hinsetzen ließe ins online-formular. wie die anderen es machen, es ist mir ein rätsel, das mich mit ehrfurcht erfüllt.

ich habe, sagt der nicht-schreibende autor in so einem fall, keinen stoff. was in meinem fall daran liegen mag, dass mir der analytische zugang zum, ähem, „leben“ und denken zur zeit völlig abgeht. wie es scheint, regrediere ich ins funktionieren, was nicht unangenehm ist. ein beruhigendes gefühl von professionalität. work-flow, haha, entschuldigen sie den wortwitz.

turkey wahrscheinlich nach den drei, vier harten wochen auf arbeit. eigentlich ist heute der erste tag, an dem ich halbwegs runterkomme. muss vielleicht gar nicht sein, jetzt schon wieder wahnsinnig inspiriertes zeug von mir zu geben?

aber auch: ein drang, autonome geistige arbeit vermeiden zu wollen. ich bin zu faul für die freiheit, wie beschämend. geben sie mir einen job, herrgott, irgendeinen, aber sorgen sie dafür, dass ich ruhe habe vor mir und meinen schwachsinnigen interessen!

Mittwoch, 18. Januar 2006

was gäbe ich dafür …

… wenn jetzt noch jemand wach wäre.

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