noch einmal musil
„Wir sehen uns heute vor zuviel Gefühls- und Lebensmöglichkeiten gestellt. Gleicht diese Schwierigkeit aber nicht der, die der Verstand bewältigt, wenn er vor einer Unmenge von Tatsachen und einer Geschichte der Theorien steht? Und für ihn haben wir ein unabgeschlossenes und doch strenges Verhalten gefunden, das ich Ihnen nicht zu beschreiben brauche. Ich frage Sie nun, ob etwas Ähnliches nicht auch für das Gefühl möglich wäre? Wir möchten doch ohne Zweifel daraufkommen, wozu wir da sind, das ist eine Hauptquelle aller Gewalttaten der Welt. Nun haben das andere Zeiten mit ihren unzureichenden Mitteln versucht, das große Zeitalter der Erfahrung aus seinem Geist heraus aber überhaupt noch nicht –“
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften (rororo), S. 1038
eigentlich wollte ich noch was zum mann ohne eigenschaften und zum thema moral schreiben, um das sich das ganze dreht. aber nach den anschlägen in london will das einfach nicht mehr so leicht gehen.
„Er glaubte an Moral, ohne einer bestimmten Moral zu glauben. Gewöhnlich versteht man unter ihr eine Art von Polizeiforderungen, durch die das Leben in Ordnung gehalten wird; und weil das Leben nicht einmal ihnen gehorcht, gewinnen sie den Anschein, nicht ganz erfüllbar, und auf diese dürftige Weise also auch den, ein Ideal zu sein. Aber man darf die Moral nicht auf diese Stufe bringen. Moral ist Phantasie. Das war es, was er Agathe sehen lassen wollte. Und das zweite war: Phantasie ist nicht Willkür. Überantwortet man die Phantasie der Willkür, so rächt sich das. In Ulrichs Mund zuckten die Worte.“
S. 1028
ulrich wünscht sich ein ozeanisches gefühl von verbundenheit mit der welt. und er scheitert. und er scheitert sogar in der einzigen beziehung, in der es hätte gelingen können, mit seiner schwester agathe. auf den ersten blick sieht es aus, als wäre sie es, die die verbindung kappt, indem sie sich einem mann an den hals wirft, der sich keine der fragen so stellt, wie es die geschwister tun. auf den zweiten blick wird erkennbar, dass er als erster den verrat begeht: in der großen schlussszene posaunt er alle gedanken hinaus, die die beiden geteilt haben, vor einem publikum, dessen hilflosigkeit und dummheit das ganze buch über die folie abgaben, vor der er seine gedanken entwickelte. - dem naiven general stumm von bordwehr, der eine bericht abgeben muss, rät er:
„Melde eben,“ erwiderte Ulrich „das sei der Tausendjährige Glaubenskrieg. Und noch nie seien die Menschen so schlecht gegen ihn gerüstet gewesen wie in dieser Zeit, da der Schutt ,des vergeblich Gefühlten‘, den ein Zeitalter über dem anderen hinterläßt, Bergeshöhe erreicht hat, ohne daß etwas dagegen geschähe. Das Kriegsministerium darf also beruhigt dem nächsten Massenunglück entgegensehen.“ Ulrich sagte das Schicksal vorher und hatte davon keine Ahnung. Es lag ihm auch gar nichts am wirklichen Geschehen, sondern er kämpfte um seine Seligkeit.
S. 1038
er kämpfte um seine seligkeit. der schutt des vergeblich gefühlten. es lag ihm nichts am wirklichen geschehen. – ich verstehe ihn. und dann kam der erste weltkrieg, dann der zweite und noch viele mehr, und in kakanien tanzten noch immer die goldfische.
moral ist, als phantasie, nicht willkür. aber was ist sie dann? worauf könnte sie begründet sein? wenn ich sage „du sollst nicht töten“, bin ich dann mitglied einer so genannten „christlichen wertegemeinschaft“?
lässt sich das alles umlegen auf jene, die heute bomben gezündet haben?
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften (rororo), S. 1038
eigentlich wollte ich noch was zum mann ohne eigenschaften und zum thema moral schreiben, um das sich das ganze dreht. aber nach den anschlägen in london will das einfach nicht mehr so leicht gehen.
„Er glaubte an Moral, ohne einer bestimmten Moral zu glauben. Gewöhnlich versteht man unter ihr eine Art von Polizeiforderungen, durch die das Leben in Ordnung gehalten wird; und weil das Leben nicht einmal ihnen gehorcht, gewinnen sie den Anschein, nicht ganz erfüllbar, und auf diese dürftige Weise also auch den, ein Ideal zu sein. Aber man darf die Moral nicht auf diese Stufe bringen. Moral ist Phantasie. Das war es, was er Agathe sehen lassen wollte. Und das zweite war: Phantasie ist nicht Willkür. Überantwortet man die Phantasie der Willkür, so rächt sich das. In Ulrichs Mund zuckten die Worte.“
S. 1028
ulrich wünscht sich ein ozeanisches gefühl von verbundenheit mit der welt. und er scheitert. und er scheitert sogar in der einzigen beziehung, in der es hätte gelingen können, mit seiner schwester agathe. auf den ersten blick sieht es aus, als wäre sie es, die die verbindung kappt, indem sie sich einem mann an den hals wirft, der sich keine der fragen so stellt, wie es die geschwister tun. auf den zweiten blick wird erkennbar, dass er als erster den verrat begeht: in der großen schlussszene posaunt er alle gedanken hinaus, die die beiden geteilt haben, vor einem publikum, dessen hilflosigkeit und dummheit das ganze buch über die folie abgaben, vor der er seine gedanken entwickelte. - dem naiven general stumm von bordwehr, der eine bericht abgeben muss, rät er:
„Melde eben,“ erwiderte Ulrich „das sei der Tausendjährige Glaubenskrieg. Und noch nie seien die Menschen so schlecht gegen ihn gerüstet gewesen wie in dieser Zeit, da der Schutt ,des vergeblich Gefühlten‘, den ein Zeitalter über dem anderen hinterläßt, Bergeshöhe erreicht hat, ohne daß etwas dagegen geschähe. Das Kriegsministerium darf also beruhigt dem nächsten Massenunglück entgegensehen.“ Ulrich sagte das Schicksal vorher und hatte davon keine Ahnung. Es lag ihm auch gar nichts am wirklichen Geschehen, sondern er kämpfte um seine Seligkeit.
S. 1038
er kämpfte um seine seligkeit. der schutt des vergeblich gefühlten. es lag ihm nichts am wirklichen geschehen. – ich verstehe ihn. und dann kam der erste weltkrieg, dann der zweite und noch viele mehr, und in kakanien tanzten noch immer die goldfische.
moral ist, als phantasie, nicht willkür. aber was ist sie dann? worauf könnte sie begründet sein? wenn ich sage „du sollst nicht töten“, bin ich dann mitglied einer so genannten „christlichen wertegemeinschaft“?
lässt sich das alles umlegen auf jene, die heute bomben gezündet haben?
gingerbox - 7. Jul, 21:30
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