Freitag, 13. Mai 2011

radio kopfbahnhof

der neue mp von baden-württemberg war noch nicht einmal angelobt, da meldete ein völlig enthusiasmierter journalist auf swr2 den vollzug. also, was wird der große führer für uns tun? der korrespondent weiß es schon:

"Winfried Kretschmann empfindet Demokratie und mündige Bürger nicht als störend in der Politik - das muss man vorwegschicken. Für ihn sind sie die Basis jeder Politik und daher schon hilfreich. Deshalb wird er sie mehr einbeziehen in seine Politik."

aber kretschmann macht das nicht etwa, weil er spaß daran hat, weil er ziele verfolgt oder auch einfach nur, weil er es kann, nein:

"Kretschmann empfindet Politik als eine dienende Aufgabe, die er auch mit einer gesunden Portion Demut macht. Da liegen die Wurzeln in seinem christlichen Glauben. Und diese Demut, diese Bereitschaft zu dienen, nicht zu vergessen für wen man eigentlich arbeitet - für die Bürgerinnen und Bürger - die nimmt man Kretschmann ab."

ach, möge diese demut die wunden heilen, die die ständige demütigung und gängelung des landesfunks durch 58 jahre cdu-herrschaft geschlagen haben! vergeben - ja. doch vergessen? nimmermehr!

"Das ist einer der ganz grundlegenden Unterschiede zu seinem Vorgängen Stefan Mappus, der diese Demut zwar im Wort führte, sie aber nie glaubhaft vertreten konnte."

im unterschied dazu wird unser geliebter silberrücken niemals seine ideale verraten:

"Ich glaube Kretschmann hat gar keine Technik der Macht. Das würde ja unterstellen, dass er etwas bewusst tut, um des Machterhalts willen - dass er so ist, wie er ist, um Erfolg und Macht zu haben. Und genau das ist Winfried Kretschmann zutiefst zuwider. Diese Art von Politik liegt im völlig fern. Er ist engagiert, er ist beharrlich, und er tut die Dinge, wenn und weil er überzeugt ist, dass sie richtig sind. Das ist einfach ein ganz anderer Ansatz!"

im ernst jetzt: ich kann mir gut vorstellen, was für ein albdruck es gewesen sein muss, im ländle beim swr zu arbeiten. und kretschmann ist ja auch ein sympathischer kopf, den man schnuffig finden kann.

wenn das thema lautet "wie tickt winfried kretschmann", dann darf auch ein bisschen lametta und freihändige fernpsychologie sein. aber wenn man schon solche thesen wie direkt aus dem pr-manual der grünen vertritt, dann sollten in 30 jahren parteizugehörigkeit des mannes doch zumindest ein paar belege für den beschriebenen stil zu finden sein. himmelfix.

Dienstag, 3. Mai 2011

fast fertig

neulich habe ich gerade noch davon abstand genommen, den verbliebenen verfügbaren platz in diesem noch immer der kostenlos-kultur zutiefst verpflichteten gratis-blog mit einer riesigen audiodatei vollzuklatschen. statt dessen wird es für die restlichen paar kb noch text und einige schlappe gedanken geben, bevor ich mir das alles hier endgültig als datei runterziehe und mir ein "buch" daraus mache. ob ich liquidcenter dann behalte? nochmal von vorne anfange und unter dem gleichen namen weiterblogge? ich weiß noch nicht.

*****

das thema lebensplanung beschäftigt den h. und mich noch immer und beschert mir jeden zweiten tag neue überzeugungen, wo und auf welche weise ich für die nächsten paar jahre glücklich und zufrieden sein werde. mittlerweile haben wir gespräche wie das folgende:
"im grunde war der erste plan doch der beste."
"ja. moment, du meinst den vom freitag, richtig?"
"nein, den von ganz am anfang."
und so weiter ad infinitum.

*****

körpertechnik: gestern hat man mir innert 10 minuten den letzten weisheitszahn aus dem unterkiefer gefräst, deshalb sitze ich jetzt schon den zweiten tag im krankenstand daheim und blicke schief durch die gegend. ich erinnere mich, dass ich - sonst ein eher zurückhaltender mensch - offenbar aus nervosität vor, während und nach der behandlung recht quasselig aufgelegt war. leider fehlte mir die killerfrage, die ich aber morgen beim ziehen der tamponade anzubringen gedenke:
"toll, der fortschritt in der zahnmedizin! begeistert mich! haben sie zu silvester im fernsehen gesehen, wie der thomas buddenbrook nach dem zähneziehen gestorben ist? das war was. und sagen sie: wären sie auch zahnarzt geworden, wenn sie so arbeiten müssten?"

Mittwoch, 27. April 2011

zu viele geschichten von sex und tod

vor zwei, drei jahren habe ich mich auch aus dem grund von der aktuellen deutschsprachigen literatur weitgehend verabschiedet, weil mir darin zu oft hintereinander völlig belanglose sexszenen untergekommen sind. jedes buch aufs neue versuchte mich mit roten bäckchen und betont beläufiger miene davon zu überzeugen, dass das thema doch ganz, ganz alltäglich ist und deshalb endlich das große wagnis eingegangen werden müsse, es auch im jeweils zur diskussion stehenden machwerk zur darstellung zu bringen. behold the stream of consciousness! bloß keine gedankenstriche, absätze oder gar leerzeilen einfügen, wenn man doch haarklein ausmalen kann, wie der tag weitergegangen ist, nachdem nele und sascha die tür hinter sich zugezogen haben. mit anderen worten, es war überaus fad und egal oder kurz: schlecht geschrieben.

ich landete bei älteren, politischeren büchern, und hier tat sich nun ein neues problem auf, denn wenn der mensch nicht tschinaggelt, geht er oft recht unfreundlich mit dem nebenmenschen um. er jagt ihn, er sperrt ihn ein, bedroht ihn, quält ihn auf alle erdenklichen arten, schießt ihn tot, hängt ihn auf, schlägt ihm den kopf ab - es ist ein graus und eine qual, und als ich heute in ivo andrics "die brücke über die drina" (EA 1945, meine ausgabe 2011 bei zsolnay) kaum auf seite 64 von knapp 500 schon lesen musste, wie ein mensch gepfählt wird, klappte ich das buch erschrocken zu.

ich weiß den namen der figur nicht mehr, aber ich weiß noch ganz genau, wie sie in manes sperbers "wie eine träne im ozean" zum ersten mal den galgen sieht, an dem sie in wenigen minuten sterben wird. oder wie in hans falladas "jeder stirbt für sich allein" der otto quangel guillotiniert wird. oder - keine literatur, sondern bühnenkunst vom ostersonntag in wien - die hinrichtungsszene am ende von francis poulencs "dialoge der karmeliterinnen", ein endloses gemetzel, an dem man wenigstens nicht auch noch durch lesen aktiv mitwirken muss, sondern das zum glück irgendwann von selbst endet.

mit anderen worten, langsam komme ich in eine schwierige lage. welche großen gefühle bleiben mir noch, wenn sex und tod so schwer zu ertragen sind? führt mich mein weg langsam aber sicher zu beißer und pralinenschachtel?

und dann?

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