Montag, 13. Juli 2009

karl

80 jahre ist er alt geworden und wenige monate nach seinem geburtstag gestorben. zwei wochen hat es gedauert, nicht länger. er ist ins krankenhaus gekommen, weil ein offener fuß nicht verheilen wollte. dort haben sie herausgefunden, dass er mehrere arten von krebs hat und nicht mehr geheilt werden kann. angeblich haben die ärzte nicht verstanden, wie er die schmerzen ertragen hat. aber er war nie ein mann vieler worte.

ich habe in meinem ganzen leben vielleicht zwanzig sätze mit ihm gewechselt. es wären nicht wesentlich mehr geworden, hätte er noch länger gelebt. er hat einfach nicht viel gesprochen, und ich hatte nie anteil an seinem leben. mein vater und auch seine anderen drei kinder kannten ihn aber als liebevollen menschen mit trockenem humor. meine tante erzählte beim begräbnis von einem streit mit ihrem damaligen partner, der etwas hätte reparieren sollen und es nicht zustande brachte: "dann habe ich gesagt: 'der papa hätte das schon lang erledigt.' und er hat gesagt: 'ja, ich weiß, dein papa ist einfach super!' und das war er wirklich für mich."

beim letzten familienausflug hat er mich, glaube ich, gesiezt. das lag vielleicht auch an h., der neben mir stand und den er nicht kannte. aber ich habe nicht das gefühl, etwas versäumt zu haben. es gab nie einen moment, in dem sich ein gespräch hätte entwickeln können.

er war arbeiter, hat in der arbeit meine oma kennen gelernt, war spö-mitglied und bei der freiwilligen feuerwehr. wie dann später mein vater, ist auch er bei seinen großeltern aufgewachsen, bevorzugt gegenüber den anderen pflegekindern, die sie zu sich genommen hatten, weil er leibliche verwandtschaft war. einer seiner brüder sieht ihm so ähnlich, dass ich erschrocken bin, als er die aufbahrungshalle betreten hat. auch er ein stiller, kleiner mann. ich habe ihn nicht weinen sehen.

Sonntag, 12. Juli 2009

gebärden des sommers

heute seit ich-weiß-nicht-wie-lange wieder einmal einen brief geschrieben: h. hockt in lissabon und lernt seine herzenssprache neu, die adresse seiner gastwirtin hat er mir in seiner krakelig-kugeligen handschrift auf einem linierten zettel hinterlassen. seltsam ist es, mit jemandem zusammen zu sein, dessen handschrift man kaum kennt und noch weniger entziffern kann. ich hoffe, der brief kommt überhaupt an.
in der auffahrt des palais bei mir ums eck gibt es ein kleines café mit tischen und gartenmöbeln in sonne und halbschatten, dort habe ich mich hingesetzt und mit dem schweren kuli etwas unbeholfen das graue papier geprägt. auf der gartengarnitur neben mir saß ein paar mit tochter und sprach französisch und englisch miteinander und fand sich ganz großartig. herrenmenschen, geformt aus ballettunterricht und privatschule und erstklassigem, leichtem essen, denen nie etwas versagt worden ist und die ohne skrupel (sie) oder aus schlichter ignoranz (er) über leichen gehen würden, um ihre ziele zu erreichen. oder auch einfach nur, weil sie es können. laut waren sie, verwöhnt und völlig ahnungslos.
später ließ ich mir auf e.s balkon die sonne in die fratze scheinen. e. schob mir ungefähr ein kilo kuchen über den tisch und verputzte selber nicht weniger, einen eiskaffee kippten wir hinterher und wankten dann im zuckerschock hinunter zum zigarettenautomaten.
zu ihren füßen zwischen den pflanzen lag m. auf der isomatte, die haare auf dem scheitel zu einem dutt hochgebunden, und meditierte oder tat nur so, weil er in wirklichkeit schlief. wir waren uns einig, dass er eine alte, wiedergeborene seele sein muss, aber was er in einem früheren leben war, ist schwer zu sagen. "elefant", sagte ich, aber sie lachte nur.
dann träumten wir wieder von einem ganz anderen leben.

Sonntag, 5. Juli 2009

auf die datsche

datsche sagt hier niemand, aber das wärs wohl: das häuschen im grünen, im verwachsenen garten, die offenen fenster und türen, das ebenerdige, der auslauf. e. hat sowas mit ihrem freund, ich war heut dazu geladen und will jetzt auch sowas.

und lieber kein geld haben, als auf allen freiraum verzichten.

liquid center

fließende inhalte in starren formen

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